Der absolute Notenwahnsinn!

In meinem letzten Artikel habe ich einen Aspekt nicht berücksichtigt: die Benotung der Leistungen. Und das, was ich im Folgenden schreibe, ist kein Scherz. Ihr mögt vor dem Bildschirm sitzen und die Hände vors Gesicht schlagen, so unglaublich ist das. Also macht euch bereit fürs Kopfschütteln.

Wozu gibt es überhaupt Noten? Sie dienen dazu, Leistungen von Menschen zu bewerten sowie vergleichbar und nachvollziehbar zu gestalten. Daraus folgt, dass sowohl Stärken als auch Schwächen gezielt gefördert werden können und eine gewisses Leistungsniveau mit einer bestimmten Note assoziiert wird. Eine Note gilt als Hinweis darauf, was in Zukunft von jemandem erwartet wird. Mit guten Noten werden häufig Eigenschaften und Charakteristika wie gute Auffassungsgabe, Wortgewandtheit, Ehrgeiz, Strebsamkeit, Leistungsbereitschaft, Motivationsfähigkeit, Willenskraft und einiges mehr verbunden.  Des Weiteren sollen gute Noten dabei helfen, das zu erreichen, was man in seinem Leben möchte. Folglich ist es sinnvoll, sehr gute Noten zu haben. Doch stehen gute Noten wirklich im Zusammenhang mit guten Leistungen? Um das besser herauszuarbeiten, werde ich im Wesentlichen auf die Aspekte der Bewertung und Vergleichbarkeit eingehen.

In Deutschland steht das Bildungssystem häufig in der Kritik, weil es abhängig vom jeweiligen Bundesland ist. So  war letztens in der FAZ zu lesen, wie durch das schwierigere Abitur in Bayern für viele Schüler*innen dort der Zugang zu NC-beschränkten Studiengängen erschwert wird. Somit ist festzuhalten, dass die Bewertungen auf Landesebene nicht unbedingt vergleichbar sind. Wie ist das mit Schulen innerhalb eines Bundeslandes? Wie ist das mit unterschiedlichen Lehrern innerhalb eines Fachs? Wie ist das mit unterschiedlichen Klausuren zum gleichen Thema zu unterschiedlichen Zeitpunkten? Auch dort wird man – auch aus persönlichen Erfahrungen – vehemente Unterschiede feststellen können. Meine persönliche Erfahrung, die mir gezeigt hat wie vergleichbar Noten sind, möchte ich kurz präsentieren.

Damals, im dritten Semester, haben wir unsere sogenannte „Aussiebklausur“ geschrieben. Es war die schwerste Klausur im gesamten Bachelorstudium und wer die geschafft hat, für den war der Bachelorabschluss nicht weit. Mit meinen Freunden habe ich deswegen einen Monat jeden Tag um die acht Stunden gelernt – und dann kam die Klausur. Sie war wirklich nicht einfach, es sind sehr viele durchgefallen und die Durchschnittsnote lag bei 4.2 (bedenke: unterhalb 4.0 ist nicht bestanden) und die beste Note war eine 2.7. Zwei oder drei Jahre später, gleiches Modul, angeblich gleiche Klausur: die Durchschnittsnote lag bei 2.3! In diesem Moment verlor ich jegliches Vertrauen in die allgemeine Vergleichbarkeit von Noten. Wie kann es sein, dass in dem gleichen Modul die durchschnittliche Note besser war als unsere beste Note damals?

Um zum eigentlichen Thema dieses Artikels zurückzukommen: die Anerkennung von Noten. Bei mir zuhause gibt es die Noten 1.0, 1.3, 1.7, 2.0, 2.3, 2.7, 3.0, 3.0, 3.7, 4.0 und 5.0 (durchgefallen). An der BI gibt es A, B, C, D, E und F (durchgefallen). Somit wird als erstes deutlich, dass unsere Notenskala aus 11 Noten und die hier aus 6 Noten besteht. Das lässt sich ja noch irgendwie vereinbaren. Beim genaueren Hinschauen wird ersichtlich, dass die Bewertungen an der BI jedoch nicht linear sind, wie es bei uns der Fall ist (mehr dazu in den Beispielen). Darüber hinaus habe ich die Anrechnung der Noten mit zwei weiteren Austauschstudenten verglichen – und jetzt beginnt der Notenwahnsinn. Bei jedem von uns Dreien findet eine andere Anerkennung der identischen Leistung statt. Aus datenschutzrechtlichen Gründen nenne ich die beiden weiteren Personen Lu und Ma. Folgende Umrechnungsübersicht habe ich auf Grundlage der unterschiedlichen Anerkennungssatzungen erstellt (Anmerkung: diese Umrechnung muss nicht in jedem Fach gelten, jeder von uns kann unterschiedliche Notenschlüssel zuhause haben und auch an der BI variiert er; die Darstellung zeigt die am häufigsten verwendete Verteilung). Hinter den Bewertungssystemen stehen unterschiedliche Philosophien.

Notenwahnsinn

In einer Spalte befindet sich jeweils die Benotung einer Universität (1 BI, 2 meine Uni, 3 Lu und 4 Ma) während die Zeilen den Prozentsatz der erbrachten Leistung anzeigen. Die Farben repräsentieren die Anerkennung der an der BI erbrachten Leistungen. Um das etwas anschaulicher zu gestalten, folgen drei Beispiele.

(1) Wir haben eine Leistung von 89% erbracht. An der BI bekommen wir ein A (exzellent!), ich bekomme eine 1.0 anerkannt (bemerke: wenn ich zuhause 89% erreicht hätte, würde ich eine 1.7 bekommen), Lu bekommt ebenfalls eine 1.0 (bemerke: Lu hätte zuhause ebenfalls eine 1.7 bekommen) und Ma bekommt eine 2, weil die an der BI erreichte Prozentzahl direkt auf die heimische Skala überführt wird.

(2) Wir haben eine Leistung von 67% erbracht. Dies entspricht einer Benotung von einem B (sehr gut!) an der BI, ich bekomme eine 1.7 anerkannt (obwohl ich bei einer heimischen Klausur eine 3.0 geschrieben hätte), Lu bekommt eine 2.0 für die gleiche Leistung (zuhause ebenfalls 3.0) und Ma besteht mit einer 4 (Bestehensgrenze der Uni liegt bei 60%).

(3) Wir erbringen eine Leistung von 48% – zuhause wären wir damit alle durchgefallen. Stattdessen bekomme ich eine 3.3, Lu eine 3.7 und Ma fällt durch.

Hat es jemandem die Sprache verschlagen? Was sind das für ein Bewertungssysteme, wenn die selbe (!) Punktzahl einer Gruppenarbeit einerseits ein B (sehr gut), eine 1.7, 2.0 und 4 sein kann. Es hängt nur von der Anerkennungssatzung der Universität ab. Darüber wird aus der Übersicht auch deutlich, dass die weiß markierten Noten gar nicht vom Anerkennungssystem erfasst werden. Sie werden einfach nicht abgedeckt, obwohl es diese ja eigentlich gibt. Was können wir  aus dieser gesamten Situation lernen?

Eine einzelne Zahl sagt nicht viel aus, es wird jedoch so viel in sie hinein interpretiert. Bereits in den Grundveranstaltung von Statistik wird gelehrt, dass es so etwas wie Minimum, Maximum, Median und Mittelwert gibt. Warum beziehen wir die Noten nicht einfach auf die direkte Vergleichsgruppe? Weil die Angabe von vielen Zahlen und vielfältige Informationen das Urteilsvermögen überfordern! Es wird einfach zu komplex. Ist es nicht schön einfach sich nur eine Zahl anschauen zu müssen? Manchmal wird immerhin bereits die Spannweite der Note angegeben, wie es zum Beispiel bei meinem Abschlusszeugnis der Fall war (z.B. ob eine Abschlussnote zwischen 10-35% oder 36-65% aller Noten der Bachelorabsolventen seit 2014 in dem Fach liegt). Es ist einfach nicht zeitgerecht (war es das überhaupt jemals?), so viele Eigenschaften, Fähigkeiten und Faktoren in eine einzige Zahl zu reduzieren, die keinerlei Vergleichbarkeit gewährleistet.

Im Endeffekt profitiere ich aus der sehr fairen Anerkennung der Leistungen. Wobei ich hier auch hinzufügen möchte, dass es hier genauso schwer ist ein A zu bekommen, wie bei mir zuhause eine 1.0. Für Ma wird dieses Auslandssemester seinen Notenschnitt herunterziehen, weil er entweder exzellente (A) oder sehr gute (B) Leistungen erzielen muss, um nicht durchzufallen (!!). Diese Anerkennungsregelungen werden sicherlich hinderlich sein, wenn sie vorher bekannt sind (meistens ist das Ausmaß vorher nicht bekannt oder wird unterschätzt). Dabei soll doch gerade durch die Bolognia-Reform eine bessere Vergleichbarkeit der Studienleistungen gewährleistet sein.

Als Folge der nicht vergleichbaren Benotungen sind z.B. Entwicklungen wie die zunehmende Absolvierung von standardisierten Tests/Zertifikaten (die viel Geld kosten können) zur Zulassung für Universitäten und die Zunahme von Assessmentcenter im Rahmen von Bewerbungsverfahren von Unternehmen zu beobachten. Die Akteure können aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr darauf vertrauen, dass Noten ein guter Indikator für (hier beliebige Eigenschaft einfügen) sind. Das Hintergrundwissen und der Überblick, was genau hinter einer Note steht, hat niemand mehr! Wenn das Bildungssystem in seiner jetzigen Form erhalten bleibt, gibt es meiner Meinung nach nur eine Möglichkeit, wie etwas mehr Vergleichbarkeit erreicht wird: die Benotung nicht nur auf eine Zahl zu beziehen.

Mareike

 

Hier endet mein offizieller Teil, jedoch möchte ich noch ein paar Worte zu einem zukünftigen Bildungssystem schreiben. Diese Vorstellung basiert auf meinen Erkenntnissen, die ich durch die Beschäftigung mit der Digitalisierung erlebe.

Fest steht, dass die meisten zukünftigen Berufe der nächsten Generationen heute noch nicht existieren. Demnach wird ein Bildungssystem benötigt, das diverse Fähigkeiten (z.B. Anpassungsfähigkeit, Selbstständigkeit und Informationsbeschaffung) fördert. Auch in Zukunft wird weiterhin Faktenwissen abgefragt und darüber hinaus werden viel mehr Softskills und Umgangsformen gelehrt werden (müssen). Die nächsten Generationen werden mit Hilfe personalisierter computergestützter Systeme zumindest einen Teil ihrer Ausbildung erhalten. Digitale, persönliche Assistenten können das Lehrpersonal unterstützen, den Lernstand besser aufzeigen und viel individueller auf Probleme und Stärken eingehen. Natürlich dürfen dabei nicht die interpersonellen Fähigkeiten außer Acht gelassen. Gerade weil es es diese unterstützenden Systeme gibt, können sich Lehrer viel besser auf speziellere Anliegen konzentrieren- zum Vorteil aller. In Abhängigkeit der zukünftigen Bildungspolitik kann ich mir auch vorstellen, dass das klassische Klassensystem aufgehoben wird und jemand nach Fähigkeiten in unterschiedliche Schwierigkeitsgrade eingestuft wird. So wird es möglich sein, dass jemand gleichzeitig in Mathe im Anforderungsbereich einer 6. Klasse, Deutsch einer 5. Klasse und Biologie einer 4. Klasse unterrichtet wird. Die zunehmende Personalisierung in Kombination mit der Erfassung vieler, neuer Datenpunkten eröffnet viele neue Wege und auch Bewertungsmodelle. Beispielsweise können Lernkurven aufgezeigt werden. Klingt das zu futuristisch? Mag sein, möglich wäre es auf alle Fälle.

 

 

 

 

 

 

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